Gestorben wird immer

„Hallo hier ist Annette“ ruft sie ins Telefon „Können Sie mal bitte zu Frau Friedlich kommen, ich glaube es geht ihr nicht gut“
„Ja, bin in drei Minuten da“ antworte ich etwas hektisch. Es telefoniert sich so schlecht wenn gerade die zwei Hände einen Transfer durchführen.

Bei Frau Friedlich im Zimmer angekommen erkenne ich sie kaum wieder. Das Gesicht fahl und ein wenig eingefallen. Hände und Unterarme blau verfärbt, Atmung schnappend und eine geschwollene rechte Aorta.

„Öhm ich würde sagen sie bleibt heute im Bett.“
„Ja meinen Sie“ fragt Annette.
„Ja, ganz sicher.“

„Frau Friedlich, wie geht es Ihnen?“ frage ich sie.
„Ganz gut“ antwortet sie kaum hörbar.
„Sind sie sicher? Sie sehen nicht wirklich so aus.“
Unverändert antwortet sie „Doch, ganz gut.“
„Frau Friedlich  möchten sie dass ich ihre Hausärztin anrufe?
Sie nickt, das Sprechen scheint ihr jetzt schwerer zu fallen.
„Soll ich auch ihre Schwiegertochter anrufen?“
Sie nickt abermals
„In Ordnung, dann mache ich das. Ich komme dann wieder.“ „Mist“ denke ich, „Ich habe noch drei Leut im Bett und jetzt ist es schon halbzehn, na das kann ja was werden heute.“

Draussen angekommen suche ich den nächsten PC auf, und suche und wähle die Nummer der Ärztin und schildere ihr meine Beobachtungen.
„Ja, ich komme gleich vorbei“ sagt sie

Jetzt noch die Schwiegertochter, ich wähle die Händinummer, ist aber aus, also dann eben die Privatnummer Zuhause, endlich es geht jemand hin, es ist sogar sie.: „Hallo,  ihrer Schwiegermutter geht es nicht gut, mir scheint es als ob sie uns verlassen möchte.“
-Schweigen-
„Sie hat gebeten, dass sie vorbeikommen“
„Ohje, ich kann jetzt im Moment nicht, ich muss noch etwas zu Ende arbeiten, in ca einer Stunde bin ich da.“
„wie auch immer“ denke ich mir.

Kurz darauf ist auch schon die Hausärztin da. Wir suchen zusammen das Zimmer auf. Eine Lungenembolie vermutet sie.
„Was meinen sie?“ fragt sie mich etwas verunsichert.
„Also ich würde sagen wir weisen sie nicht mehr ein, sie ist neunundneunzig Jahre alt und ich denke es entspricht auch Ihrem Wunsch.“
Wende mich dann aber Frau Friedlich zu und frage sie direkt:
„Frau Friedlich? Hören sie mich?“
Sie nickt
„Frau Friedlich möchten sie ins Krankenhaus oder möchten sie hier bleiben?“
Keine Reaktion
Merke dann aber dass die Frage ein wenig überfordernd sein könnte für jemanden der sich nur mit Nicken oder Kopfschütteln äussern kann.
„Ähm, möchte sie hier bleiben“
Sie nickt
„Also“ sage ich zur Ärztin, „damit wäre das geklärt. Sie konnte uns vorhin klar zu verstehen geben dass sie keine Schmerzen hat und eben dass sie hier bleiben möchte. Somit sollte wir ihren Wunsch respektieren. Was würden denn die im Krankenhaus machen?“ frage ich die Ärztin
„Naja die würden vielleicht den Thrombus operativ entfernen, aber die OP würde sie wohl kaum überleben. Ja und Blutverdünner würden sie ihr geben.“
„Hm, also ich würde sagen sie bleibt da und wir weisen sie nicht mehr ein, zumal das auch noch ihr Wunsch ist.“

Somit waren wir uns einig. Im Dienstzimmer noch die üblichen Formalitäten. Visite dokumentieren, unterschreiben lassen.

Draussen treffe ich Frau Fuchs, die daraufhin bitte ihr ein wenig Gesellschaft zu leisten und evtl. ein Gebet zu sprechen oder dergleichen.

Als die Schwiegertochter ankommt, gehe ich auf sie zu und gehe mit ihr hoch Frau Fuchs ist mittlerweile wieder unten. Als wir oben ankommen bemerke ich eine ungewohnte Stille im Zimmer. Als ich Frau Friedlich sehe, sehe ich dass sie nicht mehr unter uns weilt. Ich informiere die Hausärztin, die sagt dass sie nach der Sprechstunde um zwölf, also in einer Stunde kommt. Mit der Schiegertochter unterhalte ich mich noch ein wenig. wir sprechen über die vergangenen drei Tage, am Samstag erst war sie da zu Besuch, da war noch soweit alles ok, meint sie.

Zwölf Uhr die Hausärztin steht da. Ich begleite sie nach oben, biete ihr an die Bewohnerin auf die Seite zu drehen damit sie Leichenflecke auf dem Rücken sehen kann.
„Brauchen wir das wirklich?“ fragt sie mich.
„Äh, nicht?“
„Ja, machen das die anderen?“
„Äh, ja schon“ antworte ich ein wenig verwirrt.
„Sie haben sie ja schon so schön hergerichtet“
Da habe ich sie aber schon zur Seite gedreht.
„Ja also gut, man sieht auch schon hier an den Oberschenkeln, ja alles klar, sie können sie wieder zurückdrehen.“

Die üblichen Formalitäten müssen jetzt noch erledigt werden. Sie hat ja das meiste schon in der Praxis vorbereitet. Die Helferin fühlt sich etwas überfordert beim eintüten der der Formulare, hantiert ungeschickt damit herum die Ärztin macht auch keinen Kenntnisreichen Eindruck. Ich greife ein und helfe aus.

Ich werde sie vermissen, jetzt kenne und begleite ich sie schon seit über fünf Jahren.  Bei jedem Bewohner ist es unterschiedlich. Mal nimmt es mich mit, mal nicht. Ich empfinde auch nicht für alle gleich. Manche kann ich gut leiden manche eben weniger. Ich kann damit gut leben. Frau Friedlich habe ich sehr gemocht, da habe ich auch gerne auf meine Pausen heute verzichtet. Nur kurz nach ihrem Ableben habe ich mir eine Zigarette gegönnt.

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