Unterzucker

„So Agnes“ sage ich zu meiner Auszubildenden im zweiten Lehrjahr, „heute machst du bitte die Behandlungspflegen, als Blutzucker messen, und Insulin. Wenn noch Unklarheiten sein sollten rufst mich eben an. Aber denk dran, erst um siebenuhrdreißig.“

Wie geheissen geht Schülerin Agnes durchs Haus, misst die Blutzucker, hält noch kurz Rücksprache und injiziert laut Insulinplan Frau Hildebrandt das Insulin. Frau Hildebrandt frühstück immer im Bett, so bringt sie ihr um acht das Frühstück hoch.

Heute ist Frau Hildebrandt noch etwas müde, da sie den Abend zuvor mit dem Sohn unterwegs war. Verschläft das Frühstück. Wie gewöhnlich um halbzehn also anderthalb Stunden später geht Agnes zu Frau Hildebrandt, da sie immer um diese Zeit aufsteht. Das Frühstück ist noch unangetastet, Frau Hildebrandt wirkt bleich.

„Du Andreas komm bitte schnell zu Frau Hildebrandt hoch, die sieht echt komisch aus und gefrühstückt hat sie auch noch nichts.“
„Hmh, ok, bin gleich da.“

In weiser Voraussicht nehme ich das Insulintablett mit, auf diesem befinden sich auch immer ein paar Traubenzucker, die wir Kistenweise von der Apotheke bekommen.

„Hm, der Blutzucker ist bei vierzig.“
„Ohjeohjeohje, jammert Agnes, ich habe sie ja heute gespritzt.“ jammert Agnes
„Ja, stimmt.“ Zerbrösele zwei Traubezucker und stopfe sie frau Hildebrandt in den Mund. Fordere sie zum schlucken auf, reiche einen Saft hinterher. Wenige Minuten später hellt sich ihr Blick auf. Der Zuckerspiegel wird auch besser.

„Tust halt noch ein paar mal den Zucker messen, sage ich zu Agnes, alles halb so wild.“

In einem späteren Gespräch,meinst Agnes „Ja wenn ich sie jetzt nicht gespritzt hätte, dann wäre sie nicht in den Unterzucker gerutscht“
„Ja lieber Himmel, du konntest doch nicht wissen dass das Weib nichts isst.“
„ja aber wenn ich sie nicht gespritzt hätte…“
„Also weisste Agnes, man kann sich ja echt für vieles verantwortlich machen, aber bitte. Sie ist doch nicht erst seit gestern Diabetikerin und sie weiss ganz genau, dass sie was essen muss wenn sie ihr Insulin bekommt. Hat sie nicht gemacht, Pech!
„Und was wenn wir den Zucker nicht hochbekommen hätten“
„Joa mei, dann hätte ich eben die einseinszwei gewählt, die Jungs hätten ihr dann eine Zuckerlösung iv gegeben und gut.“
„Hm“
„Und lieber Himmel wenn das auch nichts genutzt hätte, irgendwann ist jedes Leben zuende.“
„Dass du so reden kannst.“
„Tja“

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